Anreiten von Jungpferden

Bilder: Katja Weis
Text: Mathias Weis

Wir reiten alle Jungpferde nach einer Methode ein, die von vielen (Western-) Trainern in den USA angewendet wird. Und dies ganz unabhängig davon, für welche weitere Ausbildung die betreffenden Pferde später vorgesehen sind.

Auf einen kurzen Nenner gebracht beruht die Methode darauf, dass über ein gegenseitiges "Sich Respektieren" von Pferd und Ausbilder ein Vertrauensverhältnis geschaffen wird. Dieses Vertrauensverhältnis ist die Grundlage für die später folgende Ausbildung. Es wird ganz gezielt vermieden, dass das Pferd zu stark gestresst bzw. gar in Angstzustände versetzt wird. Das Ziel ist nicht ein Pferd, das die von ihm verlangten Dinge aus Unterwürfigkeit, Ergebenheit oder gar Angst tut. Unsere Ausbildungsmethode strebt ein Pferd an, das Vertrauen zum Ausbilder hat und in ihm den Anführer sieht. Dadurch erreichen wir, dass das Jungpferd die Nähe des Ausbilders auch aktiv sucht. Dies ist auch das allererste Ziel, das wir anstreben, wenn wir mit einem Jungpferd, das unter Umständen mehr oder weniger wild aufgewachsen ist und im Umgang mit dem Menschen kaum etwas gelernt hat, zu arbeiten beginnen (es kommt in diesem Fall beispielsweise noch vor dem "Hufe geben").

Im folgenden zeigen wir Ihnen eine ca. 30 Minuten dauernde Trainingseinheit mit einem Jungpferd, wie sie üblicherweise in den ersten zwei bis drei Wochen der Anreitphase etwa abläuft.


Das Pferd ist ein dreijähriger Lusitanohengst, Stockmass 161 cm, reine M. T. Veiga - Abstammung. Er heisst "Quilate". Die folgenden Fotos wurden alle innerhalb einer halben Stunde aufgenommen. 

Wenn wir damit beginnen, ein rohes Pferd anzureiten, möchten wir ganz von Anfang an (d.h. beim allerersten Arbeiten mit dem Jungpferd) erreichen, dass sich das Pferd in der Nähe des Ausbilders geborgen fühlt.


Das Jungpferd sucht aktiv die Nähe des Ausbilders.

Wenn wir dies erreicht haben, kann eine maximale Sicherheit beim Anreiten von Jungpferden erreicht und das Risiko von Verletzungen oder Unfällen auf ein äusserst geringes Mass reduziert werden. Die Sicherheit ist überhaupt ein äusserst wichtiger Punkt in dieser Art, Pferde anzureiten.

Wir verwenden beim Anreiten immer einen Westernsattel (auch wenn das betreffende Pferd später z.B. für eine Dressurausbildung vorgesehen ist). Dies hat verschiedene Gründe: erfahrungsgemäss ist der (gut passende) Westernsattel für ein Jungpferd um einiges angenehmer als zum Beispiel ein Dressursattel, da sich das Gewicht auf eine grössere Fläche verteilt. Dies zeigt sich vor allem ganz deutlich, wenn dann zusätzlich auch noch der Reiter obensitzt. Ein anderer Punkt ist die Sicherheit: der Westernsattel gibt dem Reiter einerseits einen sehr guten Halt, erlaubt ihm aber gleichzeitig auch, sich ungehindert zu bewegen, da der Sitz viel Platz bietet. Ausserdem kann man sich in brenzligen Situationen, die in der Anfangsphase nie ganz ausgeschlossen werden können, gut am Sattelhorn festhalten, was verhindert, dass man sich mit den Beinen festklammert. Ein weiterer Punkt sind die Steigbügel: das Pferd wird von Anfang an daran gewöhnt, dass "etwas seitlich herunterhängt" und den Bauch berührt (ohne dass dies aber allzustark hin und her baumelt).

Anfänglich benutzen wir beim Reiten nie einen Zaum, sondern ein Halfter mit einem (relativ dicken und langen) Führstrick. Dies hat vor allem zwei Gründe: erstens wollen wir von Anfang an das Risiko ausschalten, dass wir zu fest an den Zügeln ziehen und somit das Pferd dazu animieren sich auf das Gebiss zu legen. Deshalb reiten wir anfänglich die Pferde auch nur mit einem (inneren) "Zügel", den wir, je nachdem auf welcher Hand wir sind, während des Reitens wechseln.


Wechsel des Zügels von einer Seite auf die andere.

Ein weiterer Punkt ist der, dass Jungpferde bekanntlich teilweise am Zahnen sind und ihnen dann die Trense oft etwas unangenehm ist. Wenn ein Pferd gelernt hat, sich am Halfter reiten zu lassen, kann es auch später problemlos so geritten werden, falls aus irgendeinem Grund einmal die Trense vorübergehend nicht verwendet werden kann.

Bevor wir jedoch zum ersten Mal in den Sattel steigen, möchten wir, dass folgende Grundlagen bei unserem Jungpferd etabliert sind:

1. Stillstehen = Relaxen!

Was wir einem rohen Pferd von Anfang an lehren ist, dass es von sich aus zum Ausbilder kommt, ihm nachläuft und auch längere Zeit (fünf, zehn Minuten oder u.U. auch länger) ruhig bei ihm stehenbleibt. Wir wollen ihm das Gefühl vermitteln, dass es beim Ausbilder geborgen und beschützt ist und entspannen kann.

 
Das Jungpferd wird auf beiden Händen auf dem Zirkel im Schritt, Trab und Galopp gehalten. Der Ausbilder (Mathias Weis) hat dabei eine treibende Einwirkung auf das Pferd.


Wenn der Ausbilder den Eindruck hat, dass das Pferd das Gehen oder Rennen auf dem Zirkel nicht mehr so mag, stoppt er seine treibenden Einflüsse und fordert so das Pferd auf, zu ihm zu kommen.

  
Das Pferd findet es offensichtlich weitaus angenehmer, sich beim Ausbilder aufzuhalten und ihm zu folgen als von ihm auf dem Zirkel longiert zu werden.

Da das Jungpferd gerne in der Nähe des Ausbilders ist, steht es auch allem, was dieser so macht, gelassen gegenüber und lässt sich kaum durch etwas in Stress versetzen.

Um dies zu erreichen ist eine ganz bestimmte Vorarbeit vom Boden aus nötig: das Pferd muss lernen, dass es, sobald es stillsteht, in Ruhe gelassen wird und relaxen kann. Für das Pferd bedeutet das Stillstehen Pause, Ausruhen, Entspannen. Das Pferd fasst das Stillstehen als Belohnung auf und erfreut sich daran. Es möchte von sich aus stillstehen.

 
Das Jungpferd steht still und entspannt sich, da es sich in der Nähe des Ausbilders geborgen und wohl fühlt.

 
Da das Pferd gerne stehenbleibt (weil es ja gelernt hat, dass Stehenbleiben gleich Entspannen ist), bleibt es auch nach dem Aufsitzen ruhig stehen und wartet gelassen darauf, "was passiert".

Ein Pferd, das grosse Mühe damit hat, stillzustehen und zu entspannen, wird das Stillstehen durch scharfe Kommandos ("Steh!!"), evtl. verbunden mit einem mehr oder weniger starken Ruck am Halfter oder Zaum, nie zuverlässig lernen, da dies eben mit Stress verbunden ist. Wenn wir ihm aber als Alternative zum Stillstehen etwas anderes "anbieten" (z.B. Seitwärtstreten), das ihm um einiges unangenehmer ist, wird es bald von sich aus stillstehen wollen.

Diese Vorgehensweise ist grundlegend (sozusagen der rote Faden) in dieser Art der Ausbildung von jungen Pferden und kommt immer wieder zum Zug. Wir zwingen das Pferd nicht dazu, etwas zu tun, sondern wir überlisten es ein bisschen und erreichen dadurch, dass es das Gewünschte von sich aus tut.

2. Nachgeben im Genick

Ein Pferd, das gelernt hat, im Genick auch unter ablenkenden äusseren Einflüssen nachzugeben, wird kaum jemals Steigen. Ausserdem ist es leicht anzuhalftern oder zu zäumen.

 
Williges Nachgeben im Genick durch Druck mit den Fingern.
Da das Pferd nachgiebig im Genick ist, kann es auch sehr leicht angehalftert oder aufgezäumt werden.

 
Das Pferd gibt auch auf Zug am Halfter willig im Genick nach 
Auch unter dem Reiter gibt das Pferd auf Fingerdruck im Genick nach.

Ein Pferd, das gelernt hat, im Genick willig nachzugeben, ist in jeder Situation viel leichter kontrollierbar. Es kann dadurch äusseren Einflüssen (z.B. einem furchterregenden Siloballen oder einer rossigen Stute) relativ leicht entzogen werden. Zudem kann es auch bedenkenlos angebunden werden, da es kaum je nennenswert am Strick ziehen wird.

3. Halfterführigkeit

Unser Jungpferd muss unbedingt gelernt haben, dem Ausbilder zu folgen, wo auch immer er hingeht. Das heisst: wenn der Ausbilder antrabt, soll es auch antraben. Wenn er anhält, soll es (sofort) auch anhalten. Wenn er rückwärts geht soll es ebenfalls (willig) rückwärts gehen. Wenn er nach rechts geht (wenn er links führt), soll es seinen Abstand zu ihm wahren und ebenfalls nach rechts gehen (weichen). Wenn er nach links geht (wenn er links führt), soll es ihm willig auch nach links folgen. Wenn der Ausbilder rechts führt (auch dies muss dem Pferd gelernt werden!) gilt das gleiche.


Rückwärtstreten

 
Weichen der Vorhand nach links
Weichen der Vorhand nach rechts

 
Weichen der Hinterhand nach rechts (deutliches Kreuzen der Hinterbeine)
Seitwärtstreten nach links (am Führstrick) 

Eine gute Halfterführigkeit ist für uns eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass das Pferd sich auch unter dem Reiter willig führen lässt. Es wird dadurch insbesondere auch vermieden, dass das Pferd später beim Reiten über die äussere Schulter wegweicht, da es ja am Boden gelernt hat, auf Klopfen aussen im Bereich des Sattelgurtes oder der Schulter nach innen zu weichen.

4. Beugbarkeit im Hals

Ein Pferd, das sich in jeder Situation im Hals beugen lässt, das im Genick nachgiebig ist und das gerne stehenbleibt, hat keinerlei Drang davonzurennen (von einer Tendenz zum Durchgehen ganz zu schweigen). Es wird sich auch kaum je auf das Gebiss bzw. auf's Halfter legen. Es kann mittels Abbeugen des Kopfes und Halses nach einer Seite in jeder Gangart jederzeit zuverlässig und sofort angehalten werden.

 
Beugen von Hals und Kopf nach beiden Seiten im Stehen, unter dem Reiter.

Wenn beim Jungpferd alle diese vier Punkte (Stehenbleiben, Halfterführigkeit, Nachgeben im Genick, Beugbarkeit im Hals) zuverlässig etabliert sind, kann es mit grösstmöglicher Sicherheit und ohne Stress (sowohl für das Pferd als auch für den Reiter) geritten werden. Das Risiko, dass es davonrennt, buckelt oder gar steigt ist nun auf ein absolutes Minimum reduziert.

 
Seitwärtstreten nach rechts und entspannter Galopp links, an einem (inneren) "Zügel".

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